Mein absoluter Endgegner ist das Abspülen. Nicht die Steuererklärung oder die Buchhaltung für die Selbstständigkeit. Das und einiges mehr habe ich im Podcast „Mit Gelassenheit sichtbar“ von Steffi Müsse verraten. Wir haben ziemlich ausführlich über Aufschieben, Prokrastination, Workaholismus und gesunde Produktivität gesprochen. Und darüber, warum Erholung nichts ist, was du dir erst verdienen musst.
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ℹ️ Das Wichtigste in Kürze:
Aufschieben ist normal. Prokrastination ist krankhaftes Aufschieben mit echten Folgen für Gesundheit, Job, Finanzen oder Beziehungen. Workaholics und Aufschieber*innen haben beide keine echte Freizeit. Erholung ist keine Belohnung für Leistung. Sie ist die Voraussetzung dafür.
Die häufigsten Gründe fürs Aufschieben: Das Ziel passt nicht zu dir, Perfektionismus, unrealistische Planung, zu komplexe Aufgaben und die sofortige Belohnung, die fast immer gewinnt. Um Aufschieberitis los zu werden, musst du zuerst die Ursache finden, dann die passende Methode wählen (z.B. kleinster erster Schritt, 5-Minuten-Timer, Gamification, …).
Über den Podcast „Mit Gelassenheit sichtbar“
Im Podcast von Steffi Müsse geht es um Online-Marketing, „das funktioniert, ohne dass du dir dafür eine andere Persönlichkeit zulegen musst“. Zielgruppe des Podcasts sind Solo-Selbstständige.
Es gibt Einzelfolgen und Folgen mit Gästen. Übergreifendes Hauptthema: Das passende Marketing-Konzept und Strategien für das eigene Business zu finden.
Wir sprechen über:
- 00:00 Einstieg & persönliche Vorstellung
- 02:21 Das erwartet dich
- 03:12 Bist du ein Mensch, der immer Ziele und Pläne hat?
- 04:06 Warum sind Ziele wichtig?
- 06:42 Warum schieben wir auf?
- 11:13 Prokrastination vs. Aufschieberitis
- 15:43 Was hilft?
- 18:47 Die perfekte To-do-Liste
- 22:30 „Ich mache das noch schnell“
- 26:46 Die Rolle von Work-Life-Balance
- 29:32 Hacks für Gesunde Produktivität
- 36:43 Take Home Message
- 37:32 Outro und weiterführende Infos
Das Gespräch zum Nachlesen (Interview-Transkript)
Die Folge ist im Januar 2025 erschienen. Deshalb starten wir das Gespräch mit Neujahrsvorsätzen. Die Fragen, warum wir aufschieben und wie gesunde Produktivität geht, stellen sich jedes Jahr wieder. Deshalb bekommst du das gesamte Interview hier noch einmal zum nachlesen. Für alle, die lieber lesen als hören.
Einstieg & Vorstellung
„Es ist immer noch Januar und damit der Monat der Ziele und guten Vorsätze — falls du denn da noch am Start bist. Am 10. Januar war der Quitter’s Day, also der Tag, an dem wir statistisch gesehen — oder zumindest viele von uns — unsere guten Vorsätze schon wieder aufgeben. Ich hoffe, du bist noch motiviert und hast vielleicht sogar schon die ersten Erfolge gefeiert. Und damit wir das ganze dieses Jahr richtig angehen, habe ich mir eine Expertin für gesunde Produktivität in den Podcast eingeladen — die Psychologin und Psychotherapeutin Mara Pairan.“
Steffi stellt ihren Gästen am Anfang immer drei Kennlernfragen, die mir vorher nicht bekannt waren, deshalb ist mir auch erst im Nachhinein eingefallen, dass tatsächlich Sport die Sache ist, die ich am häufigsten aufschiebe.
Was habe ich schon mal richtig lange vor mir hergeschoben?
Abspülen. Ich mag es nicht, wenn meine Hände nass werden. Das klingt absurd, aber es ist mein absoluter Endgegner im Haushalt. Ansonsten manchmal die Korrektur von Bachelorarbeiten, die ich betreue. Die werden schon rechtzeitig fertig, aber ich schiebe sie durchaus gerne bis kurz vor der Deadline vor mir her. {Anmerkung: zum Zeitpunkt des Interviews habe ich noch für die HFH gearbeitet und Bachelorarbeiten betreut/begutachtet. Aufgrund des hohen Zeitaufwandes bei ziemlich geringer Bezahlung habe ich die Tätigkeit aufgegeben.}
Mein wichtigstes Ziel für dieses Jahr?
Zufriedener werden. Letztes Jahr habe ich schon gut geübt und ein paar Sachen rausgefunden, die da wirklich helfen. Das möchte ich weiter ausbauen.
Wofür habe ich eine Schwäche?
Ich bin leicht begeisterungsfähig. Ich lasse mich schnell mitreißen von tollen Ideen und guten Sachen — und vergesse dabei manchmal, was ich schon habe, was schon gut funktioniert. Vielleicht ist das auch so ein bisschen der Charakter von Selbstständigen generell: immer neue Ideen, immer irgendwas, das gerade super spannend klingt.
Bist du ein Mensch, der immer Ziele und Pläne hat?
Ich bin ein Mensch, der immer Ziele hat — ja, auf jeden Fall. Pläne habe ich meistens auch, und ich plane wahnsinnig gerne. Aber ich werde besser darin, Pläne loszulassen und flexibler zu werden. Ziele habe ich absolut immer — Pläne nicht mehr zwangsläufig.
Warum setzen wir uns überhaupt Ziele?
Ich würde nicht ganz so weit gehen zu sagen, dass es wichtig ist, sich Ziele zu setzen. Ziele entstehen eher, wenn wir gut mit uns in Kontakt sind.
Grundsätzlich hat jeder Mensch Motivatoren. Dinge, die ihn antreiben. In der Psychologie würden wir sagen: Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen. Und Menschen tun das, was sie tun, um genau diese Bedürfnisse zu erfüllen.
In der Motivationspsychologie gibt es drei klassische Grundmotive: Leistung, Zugehörigkeit und Macht.
Macht klingt erstmal unangenehm und wird schnell mit Manipulation gleichgesetzt. Ich arbeite selbst in einem Beruf, in dem ich gezielt Einfluss nehme. Als Psychotherapeutin helfe ich Menschen dabei, sich zu verändern. Lehrkräfte, Psycholog:innen, Therapeut:innen — das sind alles Berufe, in denen wir Dinge verändern und dadurch eine gewisse Form von Macht ausüben. Im besten Sinne. Viele Selbstständige haben ein Machtmotiv im Sinne von: Ich möchte Menschen helfen, ich will, dass sich ihr Leben verändert. Das ist eine Form von Machtausübung, die da zum Vorschein kommt.
Dann haben wir das Leistungsmotiv — Sachen erreichen, die man messen kann. Was das konkret bedeutet, ist für jeden anders.
Und Zugehörigkeit — das klassische Bindungsbedürfnis. Ich möchte gemocht werden. Likes haben. Leute sollen toll finden, was ich mache.
Aus diesen drei Grundmotiven entwickeln sich zwangsläufig Ziele als eine Art Strategie, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Und Pläne dienen dann der Erreichung dieser Ziele: Sie strukturieren das ganze Vorgehen, bringen Ordnung in den Kopf.
Und Planung macht auch einfach Spaß. Schon allein einen guten Plan auszuarbeiten setzt Dopamin frei. Das fühlt sich fast so an, als hätten wir schon was getan, obwohl wir noch gar nicht wirklich angefangen haben. Klebezettel hin- und herschieben, Ideen sortieren, Strukturen aufbauen: das ist auch ein bisschen ein Selbstbelohnungsmechanismus. Den kenne ich von mir gut.
Warum schieben wir auf?
Die Gründe sind genauso vielfältig wie Menschen selbst. Aber ein paar Klassiker tauchen immer wieder auf.
Fehlende Motivation — und damit meine ich nicht Faulheit. Ich meine: Das Ziel passt vielleicht gar nicht zu dir. Du machst es, weil andere es von dir erwarten. Weil jemand gesagt hat, das wäre aber toll, wenn du joggen würdest. Aber in dir drin? Kein Feuer. Solange wir selbst nicht spüren, warum uns etwas wichtig ist, werden wir es aufschieben. Punkt.
Angst vor dem Versagen — oder auch: Perfektionismus. Wenn ich schon anfange, dann muss es richtig gut sein. Und wenn ich nicht sicher bin, dass es gut wird? Dann fange ich gar nicht erst an. Gerade bei Selbstständigen kenne ich das super gut: Die anderen machen Reels, die sind so viel besser als meine. Dann kann ich’s auch lassen. Und dann werden wir nie besser, weil wir nie anfangen.
Zeitmanagement-Probleme — wir unterschätzen, wie viel Zeit und Energie bestimmte Aufgaben wirklich brauchen. Wir schreiben eine endlose To-do-Liste, ohne zu merken, dass da eigentlich Kapazität für eine Aufgabe wäre, wenn es gut läuft. Der Berg wirkt riesig. Also macht man gar nichts.
Überforderung durch Komplexität — Steuererklärung machen ist keine Aufgabe. Das ist ein Projekt. Wer nicht weiß, wo er anfangen soll, fängt auch nicht an. Das ist logisch.
Sofortige Belohnung gewinnt fast immer — langfristige Ziele sind für unser Gehirn schwer zu greifen. In fünf Jahren bin ich fit und gesund? Interessiert mich jetzt gerade echt nicht. Schokolade ist jetzt lecker. Sofa ist jetzt bequem. Manche Menschen können das besser regulieren als andere. Das ist auch genetisch ein Stück weit angelegt. Bei ADHS zum Beispiel ist die Dopaminausschüttung bei Alltagsaufgaben deutlich geringer. Was nicht reizt, wird nicht gemacht.
Was ist der Unterschied zwischen Aufschieben und Prokrastination?
Prokrastination ist nicht das gleiche wie Aufschieben
Das wird im Alltag ständig durcheinandergeworfen. Und ich verstehe warum. Im Englischen ist procrastinate einfach das Verb für aufschieben. Aber im Deutschen können wir da schärfer trennen.
Aufschieben ist normal. Wir verschieben Sachen, werden aber kurz vor der Deadline meistens doch noch fertig. Ja, es ist nervig. Ja, man bereut es hinterher immer wieder. Aber: keine langfristigen Konsequenzen. Das Problem dabei ist eher, dass Aufschieben sich selbst verstärkt. Wer die Nacht durchmacht und trotzdem fertig wird, lernt: Es geht ja immer noch gut. Also macht man’s beim nächsten Mal wieder so. Und wieder. Und wieder.
Prokrastination ist etwas anderes. Das ist ein pathologisches Aufschieben — ein krankhaftes. Menschen, die wirklich unter Prokrastination leiden, werden zu spät oder gar nicht fertig. Und sie haben dann tatsächlich gesundheitliche, finanzielle, berufliche oder soziale Nachteile. Arbeitsverträge, die nicht unterschrieben werden. Studienabschlüsse, die sich um Jahre verschieben oder gar nicht passieren. Freundschaften, die kaputtgehen, weil Nachrichten ewig unbeantwortet bleiben. Das ist ein komplett anderes Ausmaß.
Und wenn produktive Menschen oder normale Aufschieber*innen von sich sagen, sie prokrastinieren, dann ist das ein bisschen frech gegenüber Menschen, die wirklich darunter leiden.
Offiziell gibt es noch keine Diagnose im ICD-11, aber die Forschung arbeitet daran.
Schiebe ich gerade auf oder ist heute wirklich nicht der richtige Tag?
Diese Frage finde ich super schwierig. Wir haben unterschiedliche Tagesformen, bei Frauen oft auch zyklusabhängig. Wie erkenne ich den Unterschied?
Ich glaube, wir spüren das meistens, wenn wir ehrlich hinschauen. Die entscheidende Frage ist: Habe ich heute wirklich keine Energie? Oder vermeide ich gerade etwas Unangenehmes?
Wenn du ehrlich sagst: Ich bin physisch und mental in der Lage, das zu machen, dann ist heute vielleicht tatsächlich auch der beste Tag, um anzufangen. Nicht zu erledigen. Nur anzufangen. Denn der beste Tag kommt im Zweifelsfall nie.
Was hilft wirklich gegen Aufschieberitis?
Bevor man irgendwelche Techniken anwirft: Erst mal rausfinden, warum man aufschiebt. Die Lösung hängt an den Ursachen.
Keine Energie, weil man sechs Stunden durchgearbeitet hat? Dann erstmal die Grundbedürfnisse erfüllen: Essen, trinken, raus gehen. Und dann neu schauen.
Keine Ahnung, wo du anfangen sollst? Dann das Projekt runterbrechen. Was ist der kleinste mögliche erste Schritt? zB. Bei der Steuererklärung: Kann ich mich bei ELSTER einloggen? Kann ich meine Kassenzettel zusammensuchen? Nicht fertig machen. Nur anfangen.
Die 5-Minuten-Methode funktioniert für viele überraschend gut: Timer stellen, fünf Minuten machen. Wenn der Timer klingelt, darf man aufhören. Oft tut man’s nicht, weil man dann drin ist. Und wenn doch? Hat man trotzdem angefangen. Das zählt.
Manchmal hilft auch Gamification: Wenn alles auf der To-do-Liste gleich wichtig ist, würfeln. Nicht zum Spaß, sondern weil dann egal ist, womit man anfängt. Und weil die Entscheidung an jemand anderen (nämlich den Würfel) abgegeben werden kann.
>> Weiterlesen: Auch Jahresziele kann man spielerisch angehen, z.B. mit einer Bingo-Karte!
Wie sieht die perfekte To-do-Liste aus?
Viele Menschen vermischen ihre riesige Aufgabensammlung mit ihrer Tagesliste. Das ist das Problem.
Ich stelle mir das gerne als Bibliothek vor: Eine große Sammlung an Aufgaben, thematisch sortiert. Und wenn ich in die Bibliothek gehe, nehme ich nicht alle Bücher mit. Ich nehme die drei, die jetzt gerade dran sind.
Für den Tag: maximal eine wirklich große Aufgabe. Vielleicht drei mittlere. Fünf kleine. Das ist die 1-3-5-Methode — und manchmal ist selbst das zu viel.
Ich mache es gerade so, dass ich mir jeden Tag eine Sache raussuche: Was ist die eine Aufgabe, die mich wirklich weiterbringt, wenn ich sie heute mache? Die kommt zuerst. Alles andere ist Bonus.
„Ich mache das noch schnell“
Steffi hat im Podcast was gesagt, das ich so gut kenne. November, Kalender zu voll, To-do-Liste unrealistisch lang — und trotzdem immer dieser Gedanke: Na ja, komm. Wenn ich mehr mache, komme ich schneller voran.
Ich habe sie dann gefragt: Ist es denn wirklich so? Kommst du wirklich schneller voran, wenn du mehr schaffst?
Ihre Antwort: Im Kopf schon. Sie schafft es ja auch irgendwie immer. Sie stresst sich halt nur hart dabei.
Und dann habe ich gefragt, wie es ihr dabei geht.
Gestresst. Fühlt sich nicht so angenehm an.
Okay. Dann wäre meine nächste Frage: Wo ist deine Priorität? Willst du, dass es dir nicht gut geht — jetzt ganz böse gesagt? Weil mit deinem Verhalten sorgst du ja dafür. Du sagst gerade: Meine Arbeit ist mir wichtiger als mein Wohlbefinden.
Das klingt hart. Ist auch bewusst überspitzt. Aber der Kern stimmt: Wenn wir Dinge tun, obwohl wir wissen, dass sie uns nicht gut tun, dann ist das eine Entscheidung. Keine bewusste vielleicht — aber eine Entscheidung. Du machst Dinge, obwohl du weißt, dass sie sich nicht gut anfühlen. Und du wirst wahrscheinlich jemand sein, der gelernt hat: Wenn ich Sachen erledige, dann fühlt sich das gut an — dann darf ich mich entspannen.
Dahinter steckt oft ein tief verinnerlichter Glaubenssatz: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Wer das verinnerlicht hat, macht Leistung zur Bedingung für innere Ruhe. Erst wenn genug geschafft ist, darf man sich entspannen. Jedes Mal, wenn was erledigt ist: okay, jetzt darf ich kurz. Aber auch nicht zu lange — weil im Kopf schon wartet, was als nächstes kommt.
Und daran erkennt man Glaubenssätze. Grundüberzeugungen. Die fühlen sich so wahnsinnig wahr an. Auch wenn wir mit einem zweiten Gedanken sagen: Eigentlich ist das Quatsch — im ersten Moment denken wir: Ja, voll. Das muss doch so sein. Das ist doch selbstverständlich.
Und dann ist die Frage: Zu welchem Preis? Psyche und Körper arbeiten wahnsinnig gut zusammen. Wenn die Psyche lange genug Signale schickt und merkt: die hört mir irgendwie nicht zu — dann holt sie sich Unterstützung vom Körper. Der macht dann auch fleißig mit. Und dann geht gar nichts mehr.
Kognitiv wissen wir das oft: Langfristig schafft man mehr, wenn man Pausen macht. Aber wenn du schon merkst, dass es dir kurzfristig nicht gut geht — dann wäre das vielleicht der Punkt, wo du anfangen kannst.
Diese Glaubenssätze lassen sich verändern. In Psychotherapie oder psychologischer Beratung, aber auch durch geduldiges Üben. Wenn man es kognitiv schon mal verstanden hat, ist das gut. Das emotionale Umlernen braucht dann aber länger. Das muss man üben. Es fühlt sich erstmal falsch an. Aber es geht.
Die Rolle von Work-Life-Balance
Steffi hatte sich vorgenommen, die Dinge einfacher zu machen — und über diesem Ziel steht eigentlich das größere: eine bessere Work-Life-Balance zu haben. Sie fragt mich, welche Rolle das Thema überhaupt spielt, wenn es um Produktivität und Prokrastination geht.
Eine sehr entscheidende.
Weil wir dabei an einem typischen Denkfehler hängen. Der geht so: Aufschieber*innen — gerade aus der Workaholic-Perspektive betrachtet — die chillen ja nur rum. Die machen nichts. Die haben wahnsinnig viel Freizeit.
Stimmt aber gar nicht.
Schauen wir uns zuerst die Workaholics an: Die schieben Freizeit ganz bewusst auf. „Ich hab keine Zeit.“ „Ich schaff lieber noch was weg.“ Die verzichten aktiv auf die angenehmen Dinge des Lebens — weil die Freizeit gefühlt hintenanstehen muss.
Und auf der anderen Seite: die Aufschieber*innen. Die haben auch keine echte Freizeit. Die machen zwar vermeintlich angenehme Dinge — aber fühlen sich dabei schlecht. Weil im Hinterkopf immer sitzt: Ich habe so viel zu tun. Das schlechte Gewissen ist Dauergast. Die können ihre Freizeit nicht genießen.
Manche verbieten sich dann auch komplett, Filme zu gucken — weil die zu lange dauern. Stattdessen: Serien. Weil die kürzer sind. Und wenn die Folge vorbei ist, fange ich dann bestimmt an. Oder wenn’s 12 Uhr ist. Aber vorher esse ich noch was — ich brauch ja Energie. Und dann ist es 12:05 Uhr, und: „Na ja, jetzt lohnt sich’s vielleicht auch nicht mehr.“
Oder man plant. Richtig viel. Anstatt anzufangen. Weil man ja einen guten Plan braucht, damit man es dann durchziehen kann.
Und dann gibt es noch die Variante: Man nimmt sich ganz fest vor, heute wirklich zu arbeiten. Schmiedet große Pläne. Schiebt dann aber wieder auf. Fühlt sich erledigt. Und weil man heute aufgeschoben hat, nimmt man sich vor: Morgen mache ich es besser. Ich stehe um 6 Uhr auf. Ich mache doppelt so viel.
Klingelt dann um 6 Uhr der Wecker. Man ist mega müde, weil man noch nie um 6 Uhr aufgestanden ist. Denkt: „Oh Gott, das kann ich jetzt nicht.“ Ist schon komplett erschöpft — und dann kommt wieder das schlechte Gewissen, das wieder dazu führt, dass man aufschiebt. Weil es so unangenehm ist.
Klingt alles irgendwie anstrengend, oder? Workaholic sein: anstrengend. Aufschieben: anstrengend.
Hacks für Gesunde Produktivität
Die Gretchenfrage zum Schluss: Wie komme ich eigentlich zu einer gesunden Produktivität? Gibt’s da zwei, drei konkrete Dinge?
Ja. Und der allerwichtigste Punkt ist gleichzeitig der unspektakulärste:
Echte Freizeit machen. Und gut auf sich achten.
Gerade in stressigen Phasen neigen viele dazu, genau das wegzustreichen, was eigentlich hilft. Kein Sport mehr, weil man in der Zeit noch was schaffen kann. Keine Freunde treffen, weil da noch das Eine liegt. Und das ist das Fatale — weil dann Freizeit stirbt. Ausgleich stirbt. Und dann geht’s uns nicht mehr gut, wenn wir nur noch Sachen machen, die wir tun müssen.
Ich empfehle dazu gerne eine kleine Checkliste — einmal aufschreiben, was einem gut tut und wichtig ist. Das können Grundbedürfnisse sein wie Schlaf, Essen, Trinken, Bewegung. Aber auch: Freunde sehen, Spaß haben, Musik hören, Zärtlichkeit mit Menschen, die einem wichtig sind. Und: An den eigenen Zielen arbeiten. Die darf auch drauf.
Wenn es einem dann gerade nicht gut geht, kann man diese Liste rausholen und schauen: Was davon mache ich gerade alles — und was gerade gar nicht? Und da einhaken. Okay, es geht mir nicht gut. Was kann ich jetzt Gutes für mich tun — was ich von mir selbst weiß, dass es funktioniert?
Eine Übung, die ich auch gerne empfehle — meinen Patient*innen und Coaching-Kundinnen — ist die 5×5-Genussliste. Fünf Dinge zu jedem Sinn: sehen, hören, schmecken, fühlen, riechen. Was magst du gerne riechen? Was hörst du gerne? Aufschreiben — am besten in einem Moment, wo es dir halbwegs gut geht. Diese Liste darf wachsen.
Und wenn es dir dann nicht gut geht, kannst du sie rausholen wie eine Bedienungsanleitung für dich selbst. Weil in schlechten Phasen wissen wir das irgendwie nicht mehr — was mir gut tut, keine Ahnung. Da hilft die Liste, die wir geschrieben haben, als wir es noch wussten.
Der zweite Punkt: Individuelle Lösungen finden.
Was hilft mir persönlich, das Verhalten zu zeigen, das ich eigentlich zeigen will?
Manchmal ist es die Umgebung. Überall im Haus ein Wasserglas hinstellen — dann trinkt man mehr. Sportsachen bereits im Flur — dann ist es wahrscheinlicher, dass man sie anzieht. Das Sichtbare in der Umgebung verändern.
Manchmal hilft es, Dinge gemeinsam zu machen. Sich mit Freunden zur Steuererklärung verabreden. An einem Co-Working teilnehmen. Mittagspause mit Kolleg*innen — damit man sie wirklich macht.
Manchmal kann man Aufgaben spielerischer angehen. Wenn alles auf der To-do-Liste gleich wichtig ist — Würfel nehmen, durchzählen, losen. Klingt absurd. Aber wenn alles gleich wichtig ist, ist auch egal, womit man anfängt. Und dann hilft manchmal einfach, die Entscheidung abzugeben.
Und manchmal ist es die eigene Überzeugung, die im Weg steht. Dann wäre der Ansatz: Was brauche ich für Gedanken, um da was ändern zu können? Und wenn man das nicht alleine schafft, sollte man sich Unterstützung holen.
Dann kam noch ein Thema auf, das mich selbst überrascht hat: Spaß.
Steffi hat erzählt, dass sie sich mit einer befreundeten Selbstständigen darüber unterhalten hat, was ihnen eigentlich Spaß macht. Und beide wussten es nicht mehr so genau.
Das kenne ich. Wenn man lang genug im Arbeitstrott ist, verliert man den Zugang dazu.
Mein Tipp: Im eigenen Lebenslauf graben. Was hat früher mal Spaß gemacht? Als Kind, als Jugendliche? Eine Patientin von mir hat als Erwachsene wieder mit Reiten angefangen — weil sie als Jugendliche wahnsinnig gern geritten hat und das irgendwann verloren gegangen war. Das können solche Sachen sein.
Und dann einfach beobachten: Wann lache ich? Ganz stumpf. Das ist ein Hinweis. Das aufschreiben, sammeln. Vielleicht war es nur ein Gespräch mit einer Freundin. Vielleicht ein lustiges Video. Vielleicht eine Aktivität. Spaß ist für jeden was anderes.
Und wenn man gar nicht weiß, was es sein könnte – ausprobieren. Hypothesen aufstellen. Eine Reitstunde machen. Bouldern gehen. Wenn es keinen Spaß macht, lassen. Wenn es Freude macht, weitermachen.
Steffi macht es inzwischen so, dass sie jeden Morgen auf ihrer Tagesliste eine Überschrift hat: Für Freude. Mindestens ein Punkt pro Tag, der einfach nur Spaß machen soll.
Das finde ich gut.
Meine Take-Home-Message
Wenn du nur einen Satz aus diesem Artikel mitnimmst, dann diesen: Erholung ist nichts, das du dir verdienen musst. Du musst nicht leisten, um dich erholen zu dürfen. Es ist eher andersrum.
Outro und weiterführende Infos
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