Fachliche Unterstützung braucht fast jede:r einmal. Zum Beispiel wenn du den Verdacht hast Depressionen, Angststörungen oder ADHS zu haben oder bereits eine Diagnose vorliegt und du nun angemessene Behandlung brauchst. Wer jedoch welche Form der Unterstützung gibt, ist für Außenstehende etwas verwirrend.
Psychiater, Psychologe, Heilpraktiker für Psychotherapie oder Psychotherapeuten. Das klingt alles irgendwie gleich.
Ich bin selbst Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Und meistens bin ich schon froh, wenn Menschen nicht sagen, dass sie bei mir zur Physiotherapie gehen. Denn das ist nun wirklich was ganz anderes! 😀
In Gesprächen mit Patientinnen merke ich immer wieder, dass die Begrifflichkeit für Verwirrungen sorgen. Da werden verschiedene Berufsgruppen schnell in einen Topf geworfen, wenn erzählt wird „der Psychologe hat mir dann ein Medikament verschrieben“. Denn warum das nicht sein kann, erkläre ich ausführlich in diesem Artikel.
Psychologe, Coach oder Heilpraktiker*in
Die Berufsbezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt
Jede*r darf sich Coach nennen. Life-Coach, Business-Coach, Personal Coach… du kannst dich so nennen, ich, und meine Oma genauso. Hierfür ist keine Ausbildung, kein Zertifikat, keine Erfahrung notwendig. Nichtsdestotrotz bringen viele Coaches natürlich Erfahrung mit. Oft ihre Eigene. Das kann durchaus sinnvoll sein, solange die Beratung sich nicht nur auf die eigene Erfolgsgeschichte („Ich habe das so geschafft, so kannst du es auch machen!„) und Ergebnisse von Kund*innen („Bereits 150 Frauen haben es genauso gemacht wie ich„) stützt.
Wenn du zu einem Coach gehen möchtest, schau dir den beruflichen Hintergrund und die Qualifikationen an. Es gibt auch Akademien oder Institute, die Menschen zu Coaches ausbilden. Diese dauert i.d.R. zwischen wenigen Tagen und 3-12 Monate.
Coaches sind die richtigen Ansprechpartner, wenn es dir grundsätzlich gut geht, du keine psychische Beschwerden hast und du bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen (weiter) entwickeln möchtest oder Verhaltensweisen verändern willst und es alleine nicht hinbekommst. Klassische Beispiele sind z.B. Führunsgkräfte-Coachings.
Auch Personen ohne psychologischen Hintergrund können gute Coaches sein. Wenn sie sich um entsprechende Bereiche kümmern, die ihrer Expertise entsprechen. Und im besten Fall auch eine Fortbildung gemacht haben, wie sie ihre Expertise am wirkungsvollsten vermitteln und einsetzen.
Psycholog*innen brauchen ein Studium
Um sich Psychologe oder Psychologin nennen zu dürfen, muss eine Person ein Psychologiestudium mit einem Master (oder Diplom) abgeschlossen haben. Absolvent:innen, die „nur“ einen Bachelor haben dürfen sich entsprechend nicht als Psycholog:innen bezeichnen.
Psycholog:innen können und dürfen Tests auswerten, forschen, beraten und coachen, jedoch keine offiziellen Diagnosen stellen oder Psychotherapie anbieten.
Wie unterscheiden sich Psychologen und Heilpraktiker?
Im Gegensatz zu Psycholog*innen müssen Heilpraktiker*innen für Psychotherapie nicht studiert haben. Der Beisatz „für Psychotherapie“ suggeriert zwar einen psychologischen Hintergrund, dieser wird jedoch „nur“ in einer Prüfung beim Gesundheitsamt abgeprüft. Eine vorgegebene standardisierte Ausbildung gibt es nicht. Einige Institute helfen bei dem Wissenserwerb, indem sie Kurse für angehende Heilpraktikerinnen verkaufen. Um die Prüfung ablegen zu dürfen muss man außerdem mindestens 25 Jahre alt sein und mindestens einen Hauptschulabschluss haben.
Psychologie-Studierende mit einem Bachelor-Abschluss müssen die Prüfung nicht ablegen, sondern können die Heilpraktiker-Lizenz ohne Prüfung bekommen, da davon ausgegangen wird, dass sie mit dem notwendigen Wissen vertraut sind.
Um den Titel „Psychologe“ oder „Psychologin“ tragen zu dürfen muss das Studium mit Bachelor und Master abgeschlossen sein. Eine derartige Ausbildung ist für Heilpraktiker*innen für Psychotherapie nicht vorgeschrieben.
Es gibt einige Menschen, die einen Bachelor of Science in Psychologie haben und sich als Heilpraktiker*innen selbstständig machen.
Dürfen Psychologen Diagnosen stellen?
Nein. Eine psychische Erkrankung (F-Diagnosen) zu diagnostizieren obliegt dem sog. Approbationsvorbehalt. Eine Approbation ist eine staatliche Berufszulassung, die beinhaltet heilkundlich tätig zu sein. Approbationsvorbehalt bedeutet, dass nur Personen mit Approbation, also Ärztinnen oder Psychologische Psychotherapeut:innen F-Diagnosen stellen dürfen.
Sind Psychologen und Psychiater das gleiche?
Kurze Antwort: Nein. Ganz und garnicht. Wie oben beschrieben sind Psycholog:innen Personen, die ein Studium in Psychologie abgeschlossen haben. Psychiater:innen sind Fachärzt*innen. Sie haben haben Medizin studiert und anschließend eine Weiterbildung zum Facharzt (für Psychiatrie und Psychotherapie) absolviert.
Durch diese Qualifikation sind sie berechtigt Diagnosen zu stellen, Medikamente zu verschieben und sie dürfen auch „krankschreiben“, also Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen. Psychiater:innen dürfen auch Psychotherapie anbieten und arbeiten dann als ärztliche Psychotherapeut:innen.
Psychiater oder Neurologe
Sowohl Neurologen/Neurologinnen als als Psychiater:innen haben beide Medizin studiert und eine Facharztausbildung absolviert. Früher gab es die Bezeichnung „Facharzt für Nervenheilkunde“. Unter diesem Begriff waren beide Berufsgruppen abgedeckt. Seit 2003 werden zwei Fachrichtungen und damit Bezeichnungen unterschieden: Neurologie und Psychiatrie (und Psychotherapie). Es gibt auch Ärztinnen, die beide Facharztausbildungen absolviert haben.
Als Mediziner:innen dürfen sowohl Psychiater als auch Neurologen Patient:innen ärztlich behandeln. Sie können Medikamente (z.B. bei Depressionen oder ADHS) verschreiben, in Kliniken einweisen, Rezepte für weitere Behandlungen ausstellen und körperlich untersuchen.
Neurolog*innen (= Facharzt für Neurologie)
Diese Berufsgruppe behandelt und befasst sich vorrangig mit körperlichen Erkrankungen und Störungen des zentralen Nervensystems, also des Gehirns und Rückenmarks. Dazu gehören z.B. Multiple Sklerose (MS), Epilepsie, Schlaganfälle, Parkinson und Demenzerkrankungen.
Psychiater*innen (= Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie)
Diese Berufsgruppe behandelt vorrangig seelische Erkrankungen. Dazu gehören z.B. Sucht- und Angsterkrankungen, Schizophrenie, Depressionen, Schlafstörungen oder Persönlichkeitsstörungen. Gespräche in einer psychiatrischen sind in der Regel kurz und konzentrieren sich auf eine medikamentöse Behandlung.
Psychiater:Innen können auch als ärztliche Psychotherapeut*innen arbeiten. Dann können psychotherapeutische Behandlungen (z.b. wöchentliche Gespräche) eine mögliche Medikation ergänzen.
Der Unterschied zwischen Psychologe und Psychotherapeut
Psychologinnen haben ein ungefähr 5 Jahre dauerndes Psychologiestudium mit einem Master (oder früher: Diplom) abgeschlossen.
Um Psychotherapeut*in zu werden, muss an dieses Studium eine postgraduale Ausbildung angehängt werden. Diese dauert je nach Fachrichtung weitere 3 bis 5 Jahre und wird mit mehreren Prüfungen (mündlich und schriftlich) abgeschlossen. Psychotherapeut*innen haben eine „Approbation“, so nennt man die Erlaubnis heilkundlich tätig zu sein.
Seit 2020 kann man auch Psychotherapie direkt studieren. Das Studium wird dann nach dem Master mit einer staatlichen Prüfung und der Approbation abgeschlossen und es folgt darauf eine Fachweiterbildung. Die Umsetzung dieser Reform ist noch nicht vollständig vollzogen und sorgt bei vielen betroffenen Psychotherapeut:innen für Unverständnis und Frust.
Der Titel „Psychologischer Psychotherapeut*in“ ist gesetzlich geschützt. Nur Personen mit dieser entsprechenden Ausbildung dürfen sich so nennen. Die Bezeichnung „Therapeut“ ist nicht geschützt, und kann auch von Wellnessanbietern und anderen Personen genutzt werden.
Psychologische Psychotherapeut*innen dürfen keine Medikamente verschreiben. Sie arbeiten mittels Gesprächen und diagnostizieren und behandeln psychische Störungen. Hierunter fallen alle F-Diagnosen, also Sucht, Schizophrenie, Ängste, Depressionen, Persönlichkeits-, Ess-, Schlaf- und Sexualstörungen, sowie Autismus, ADHS und viele mehr.
Dürfen Psychotherapeuten Medikamente verschreiben?
Es kommt darauf an. Hierbei muss zwischen ärztliche und psychologische Psychotherapeut:innen unterschieden werden. Sie unterscheiden sich vor allem durch ihr Grundlagenstudium (Medizin vs. Psychologie).
Psychologen und Psychologinnen dürfen keine Medikamente verschreiben! Auch Psychologische Psychotherapeutinnen dürfen dies nicht. Medikamente werden ausschließlich von Ärzten und Ärztinnen (= Mediziner*innen) verordnet.
Dürfen Psychotherapeuten Diagnosen stellen?
Ja. Psychotherapeut*innen dürfen F-Diagnosen stellen, also psychische Erkrankungen diagnostizieren. Das ist i.d.R. recht umfangreich. Für eine Diagnosestellung ist z.B. wichtig, dass keine körperlichen Ursachen (z. B. Schilddrüse, Hormone, schlechte Eisenwerte…), die beschriebenen Symptome verursachen und keine anderen Erklärungen (z.B. schlechte Stimmung nach einem Todesfall oder nach Absetzen eines Medikamentes) den Befund besser erklären.
Dürfen Psychotherapeuten krank schreiben?
Psychologische Psychotherapeuten dürfen nicht krank schreiben, ärztliche Psychotherapeut*innen dürfen dies.
Welcher Psychologe bei ADHS?
Weiter oben haben wir bereits geklärt, dass Psychologen nicht die richtigen Ansprechpartner für die Diagnostik oder Behandlung von ADHS sind. ADHS-Diagnostik kann von Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeut*innen und Psychiatern vorgenommen werden.
>> Anlaufstellen für ADHS-Diagnostik
Überblick: Coach, Psychologe, Psychiater… Wer darf was?
| Berufsgruppe | geschützte Berufsbezeichnung | Ausbildung / Voraussetzungen | Diagnostik | Therapie | Medikamente |
| Coach | ❌ | keine einheitliche Ausbildung | ❌ | ❌ | ❌ |
| Heilpraktiker*in für Psychotherapie | (✅) nur „Heilpraktiker“ ist geschützt | min. 25 Jahre, min. Hauptschulabschluss, Heilpraktikerprüfung beim Gesundheitsamt | (✅) | ✅ | ❌ |
| Psychologe | ✅ | Studium Psychologie (Diplom / Master) | (❌) | ❌ | ❌ |
| Psychologische*r Psychotherapeut*in | ✅ | Psychologie-Studium + Therapie-Ausbildung | ✅ | ✅ | ❌ |
| Neurologe | ✅ | Medizinstudium | ✅ | ✅ | ✅ |
| Psychiater | ✅ | Medizinstudium | ✅ | ✅ | ✅ |
| Ärztlicher Psychotherapeut | ✅ | Medizinstudium + Therapie-Ausbildung | ✅ | ✅ | ✅ |


